„Es ist komisch, wenn man langsam Geschichte wird“

Angela Merkel lässt sich endlich fürs Kanzleramt malen, Thomas Demand spricht über die Ohnmacht der Kunst, und ein Rechtsstreit um Klimts „Bildnis Fräulein Lieser“ fördert dunkle NS-Provenienzen zutage. Das ist unsere Medienschau am Mittwoch.

Merkel wird Geschichte: Knapp fünf Jahre nach ihrem Auszug aus der Regierungszentrale wird das Porträt von Ex-Kanzlerin Angela Merkel enthüllt – gemalt vom bislang weitgehend unbekannten Jérémie Queyras, gezeigt zunächst im Bode-Museum auf der Berliner Museumsinsel, bevor es im Herbst ins Kanzleramt wechselt. „Da häng ich dann eben“, sagte Merkel selbst reichlich unbegeistert in der Zeit: „Es ist komisch, wenn man langsam Geschichte wird.“ Boris Pofalla liest das Bild in der Welt als „letzten Akt politischer Bildregie“: Anders als ihre Vorgänger habe Merkel das Gemälde selbst in Auftrag gegeben, bezahlt und nur als Leihgabe gehängt – jederzeit rückholbar. Wie kontrolliert der Übergang vom lebenden Machtzentrum zur historischen Figur ablaufe, sei selten so gut zu besichtigen gewesen. Ein Porträt von Olaf Scholz fehlt in der Galerie übrigens weiterhin.

Die Ohnmacht als Prinzip: Im Gespräch mit Jurriaan Benschop in der Brooklyn Rail spricht Thomas Demand über Erinnerung, Fotografie und den politischen Gehalt von Bildern. Kunst sei „politisch, aber nur im Sinne ihrer Machtlosigkeit. Kunst hat Einfluss, aber keine politische Macht.“ Zugleich warnt Demand vor der Erosion demokratischer Konventionen – „Demokratie ist ein sehr verletzliches System“ – und ordnet Künstliche Intelligenz nüchtern ein: ein „erstaunliches Werkzeug“, das aber das genuin Menschliche künstlerischer Arbeit nicht ersetzen könne.

Ein Klimt vor Gericht: Olga Kronsteiner berichtet im Standard, dass der Rechtsstreit um Gustav Klimts „Bildnis Fräulein Lieser“ neue Erkenntnisse zur NS-Geschichte der Familie Lieser zutage fördert. Eine in New York eingereichte Restitutionsklage hat den Verkauf des Gemäldes vorerst gestoppt und rückt Versäumnisse der Provenienzforschung ins Blickfeld: Nach neuen Recherchen war Lilly Lieser die ursprüngliche Auftraggeberin und Eigentümerin. Kronsteiner schildert erbitterte Erbstreitigkeiten bis in die Nachkriegszeit sowie die Denunziation von Hans Lieser – und weist darauf hin, dass die Klägerin rechtlich keine Erbin, sondern lediglich pflichtteilsberechtigt sei.

Aus dem Schatten getreten: Marina Warner würdigt in der London Review of Books die britische Malerin Celia Paul als eigenständige Künstlerin, deren Werk lange vom Verhältnis zu Lucian Freud überschattet wurde. Ausgehend von einem neuen Werkverzeichnis beschreibt Warner, wie Paul über Jahrzehnte Mutter, Schwester und schließlich sich selbst porträtierte. „Irgendwie überlagerte das geliebte Bild meiner Mutter mein eigenes. Erst nach ihrem Tod konnte ich beginnen, mich selbst zu sehen.“ Keine klassischen Porträts, sondern eine stille, „metaphysische“ Malerei aus Natur, Erinnerung und Spiritualität.

Die Maschine im Museum: Am Rhein wird es programmatisch: Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zeigt im K21 die erste museale Einzelausstellung des kanadischen Medienkünstlers Jon Rafman in Deutschland, im Zentrum sein KI-Projekt „Mainstream Media Network“ (bis 27. September). Dass die Debatte über Künstliche Intelligenz gerade von den Feuilletons in die Ausstellungssäle wandert, ist derzeit eine der spannendsten Bewegungen im Betrieb.

Und sonst, kurz notiert: Die Sächsische Akademie der Künste feiert ihr 30-jähriges Bestehen mit einem Festakt am 3. Juli im Festspielhaus Hellerau unter der Frage „Wie wenig ist genug?“. Das Von der Heydt-Museum in Wuppertal widmet dem Neue-Sachlichkeit-Maler Carl Grossberg die umfassendste Retrospektive seit über 30 Jahren. In der Villa Stuck bespielt Ilit Azoulay mit „No Single View“ die historischen Privaträume als fragiles Erinnerungsgefüge. Und im unteren Kunstmarkt berichtet Judd Tully in den Artnet News über den eBay-Account „dantegallery“, der Zeichnungen von Jim Nutt und Christina Ramberg für je 499 Dollar anbot – samt zweifelhafter Galerie-Etiketten. „Ich habe diese Zeichnung nicht gemacht“, sagt Nutt selbst; kurz darauf war der Shop verschwunden.


Quellen: Zeit, Welt, Brooklyn Rail, Der Standard, London Review of Books, Artnet News, Monopol, kunstforum.de, Sächsische Akademie der Künste. Zusammengestellt von der Blaccube Redaktion.