Frischer Wind in Rom
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Frischer Wind in Rom
Wer an italienische Biennalen denkt, dem kommen unweigerlich venezianische Pavillons in den Sinn. Nun versucht sich Rom mit der „Basement Art Assembly Biennial“ zurück auf die Landkarte zu bringen. Es ist ein Versuch, die an alter Kunst zwar so reiche, aber für zeitgenössische Kunst weniger bekannte Stadt zu reaktivieren. Die Gründer des Magazins CURA Ilaria Marotto und Andrea Baccin legen innerhalb ihres eigenen Ausstellungsraums „Basement“ mit „BAAB (Issue 00)“ den Startpunkt. Basement nutzt die unterhalb des Bodenniveaus gelegenen und nur über eine Rampe zugänglichen Räumlichkeiten einer lange Zeit leerstehenden Garage. Als 2012 gegründeter non-profit Off-Space befindet er sich in einem der gehobenen, reicheren Viertel in Rom. Gemäß dem Titel ist die Biennale aber nicht nur wörtlich in den Untergrund verlagert, sondern soll auch oftmals unter dem Radar fliegende Kunst fördern.
Die Beschäftigung mit einer in unterirdische Räume versetzten Ausstellungspraxis hat ihre Wurzeln in einem Gespräch zwischen Marotta, Baccin und Anthony Huberman, dem Direktor der John Giorno Foundation in New York. Die Garage ist dabei als Ausstellungsraum in Rom keine unbekannte Größe. Kounellis’ Pferde suchten 1969 Unterschlupf in Fabio Sargentini’s L’Attico und Achille Bonito Oliva’s „Contemporanea“ bespielte das unterirdisch gelegene Parkhaus der Villa Borghese im Jahr 1973. Solch ikonische Shows sind in der Ausstellungshistorie der Stadt tief verankert. Im anlässlich der ersten Ausgabe der Biennale begleitend erschienenen und von CURA herausgegebenen Magazin schreibt Anthony Huberman (Mitglied des Advisory Boards), dass allen Räumen eines Hauses feste Funktionen zugeschrieben werden, der Keller hingegen weniger den Menschen als mehr den Fahrzeugen, Maschinen oder Weinflaschen vorbehalten ist. Folglich sei man im Keller frei, alles nur Erdenkliche zu tun. Kann somit der Untergrund als eine neue, alternative Institution fungieren?
Die Garage ist dabei als Ausstellungsraum in Rom keine unbekannte Größe. Kounellis’ Pferde suchten 1969 Unterschlupf in Fabio Sargentini’s L’Attico und Achille Bonito Oliva’s „Contemporanea“ bespielte das unterirdisch gelegene Parkhaus der Villa Borghese im Jahr 1973.
Zukünftig soll sich die Biennale über sämtliche im Untergrund beheimatete städtische Räume wie Garagen und Keller ausbreiten. Im Pressetext heißt es: „Der Launch einer Biennale mag ambitioniert oder unerreichbar erscheinen, aber tatsächlich haben sich manche Biennalen ausgehend von der Präsentation eines einzelnen Werkes entwickelt.“ Das Kuratorenteam versucht mit BAAB, nicht nur ein periodisches Biennale-Format zu entwickeln, sondern auch einen Treffpunkt für die bisher wenig repräsentierte römische Szene zu etablieren. Folglich ist die erste Edition der Biennale als Pilotprojekt, als Experiment oder Labor zu verstehen. Die „self-styled“ Biennale ließe sich auch als Teaser auf Zukünftiges im Sinne eines sich stetig weiterentwickelnden Organismus betrachten. Wer nach Pavillons und einem Parcours durch die Stadt sucht, wird in diesem Jahr kaum fündig und mit einer solchen Erwartungshaltung vorerst enttäuscht, auch wenn sich das begleitende Programm zumindest auf das Soho House Roma sowie auf das Basement umgebende Werbetafeln erstreckt.
Die Kuratoren aber zeigen sich zuversichtlich, dass aus BAAB ein größeres, sich auf die Stadt ausweitendes Format entstehen könnte. Umso ambitionierter ist die aktuelle Schau angelegt. Die Liste der teilnehmenden künstlerischen Positionen mag auf den ersten Blick erstaunen, wird aber angesichts des an ein breites Netzwerk angebundenen Kuratorenteams nachvollziehbar. So wurde BAAB in Zusammenarbeit mit einem Advisory Board bestehend aus Nicolas Bourriaud, Jean-Max Colard, Simon Denny, Anthony Huberman und Lumi Tan umgesetzt. Einige der ausgestellten künstlerischen Positionen verbindet darüber hinaus eine Freundschaft oder ein über Jahre hinweg entwickelter kuratorischer Diskurs. Manche eint auch nur das Medium oder die gemeinsame Landessprache.
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BAAB (Issue 00) ist mit fest installierten sowie ephemeren Arbeiten als sich über die Dauer der Ausstellung weiterentwickelndes Format angelegt. Das Basement soll als Nukleus des Geschehens verschiedene Veranstaltungen wie Lesungen, Gespräche, Workshops und Performances beherbergen. Dazu hat Ruggero Pietromarchi ein explizit auf die Biennale zugeschnittenes Soundkonzept kuratiert. Jeden Mittwoch finden zudem Partys statt, lädt BAAB zum Austausch und Feiern ein. Davon zeugt eine gekachelte Bar von Max Pitegoff und Calla Henkel. Die sogenannte „Times Bar“ etablierte sich zwischen 2011 und 2014 bereits in einem verlassenen Space in Berlin zum Treffpunkt der Szene, die wie in einer echten Bar jedes Wochenende zusammenkam. Mit der Übernahme der Bar verspricht sich BAAB auch eine Übertragung des sozialen Moments auf Rom. Die Bar ist dabei eingewoben in ein Ensemble aus Regie-Stühlen von Than Hussein Clark sowie eine auf dem Tresen neben Blumen befindliche kleine Skulptur von Gina Fischli. In einer glänzenden Keramik-Schale türmt sich ein Ascheberg samt ausgedrückten Zigarettenstummeln. Die humorvolle Arbeit hätte kaum einen besseren Platz in der Ausstellung finden können, evoziert sie doch ein sich ständig im Basement aufhaltendes Publikum. Denn im Basement scheint dauerhaft Betrieb zu herrschen: schwer definierbare Figuren von Tobias Spichtig könnten beispielsweise Teil dieses permanent vorhandenen Publikums sein.
Ähnlich fluide und hybrid muten auch die gesichtslosen Schaufensterpuppen mit ausgefallener Mode vom New Yorker Woman’s History Museum bestehen aus Mattie Barringer und Amanda McGowan an. Sie werden von einer wandfüllenden geometrischen Arbeit von Claudia Comte hinterfangen. Die schwarzen und weißen Linien sowie die an außerirdische Wesen erinnernden Gesichter von Spichtig spiegeln sich zudem in Gina Follys blanken Kugeln, die wiederkehrend im Ausstellungsraum platziert sind. Zuweilen gibt ein unmittelbar unterhalb der Decke montierter Automat eine kleine blau-weiße Pille frei, welche einen stetig am Boden anwachsenden Berg von Pillen mehrt. Der Pillenspender funktioniert wie eine Uhr. Die neugierigen Besucher beugen sich hinab, die Hand greift nach vorne und hält inne – kann man dem Künstler vertrauen? Ein Wasserspender steht ganz in der Nähe bereit, um das Schlucken der ominösen Pille zu erleichtern. Dem zögerlichen Publikum verrät allein die Objektbeschilderung, dass es sich beim in der Pille befindlichen vermeintlichen Wirkstoff um ein Placebo handelt. Lässt sich aber der Beschilderung vertrauen? „Influental environments“ nennt Carsten Höller seine partizipativ angelegten Arbeiten. Sein künstlerisches Material stellt nach eigener Aussage das sich zu seinen Installationen in bestimmter Weise verhaltende Publikum dar. Letzteres wird somit zum Untersuchungsgegenstand des forschenden Künstlers. Die Installation erinnert an „Candy Works“ von Félix González-Torres.
Die Documenta stellte sich dem Künstlergenie entgegen, rückte die Gemeinschaft ins Zentrum und scheiterte grandios an genau diesem selbst gesetzten Ziel, indem sie Diskurs verweigerte, als er besonders nötig wurde.
Ganz ohne jegliche zeitliche und räumliche Verortung kommen dagegen die Malereien von Vittorio Brodmann aus. Seine menschlichen und tierischen Akteure befinden sich wie gefangen in einem Zwischenzustand, vergleichbar einem Traum oder einer Halluzination. Als besonders eindrucksvoll erweist sich darüber hinaus eine im Nebenraum installierte Soundarbeit von Künstlerin Nora Turato. Durch einen Vorhang betreten die Interessierten einen gänzlich abgedunkelten Raum. So dunkel, dass man sich nicht mehr sicher ist, ob die Augen aktuell geöffnet oder nicht doch geschlossen sind. In der Finsternis umgibt eine Symphonie aus tiefen Seufzern und rhythmischem Atmen das Publikum. Der emotionsgeladene Rhythmus wechselt zwischen Angst, Beruhigung und Ekstase. Fast fühlt es sich an, als kämen die Geräusche aus dem eigenen Körper als Resonanzraum, wäre es das eigene Atmen und Seufzen. Ganz so, als würde jemand auf die körperliche Hülle schlagen und die Geräusche würden sich konzentrisch um das Ich im Zentrum zusammenziehen; oder als sei man gar selbst im eigenen Brustkorb gefangen und könnte dem Atem wie dem Bass bei einem Rave lauschen. Mit Sound beschäftigen sich ebenfalls die im hauseigenen Kino gezeigten Filme wie u.a. eine Videoarbeit von Mark Leckey, der wie kein zweiter die Atmosphäre von Clubs in den 1990er-Jahren einzufangen wusste und dem erst kürzlich Julia Stoschek in Berlin eine große Soloschau widmete.
Eine sehr persönliche Videoarbeit mit Aufnahmen von der opulenten Hochzeitsfeier ihres Bruders steuert Selma Selman bei. Einer Roma-Familie entstammend, untersucht sie in ihrer Arbeit kollektive Praktiken, Rituale und Codes der Roma-Gemeinschaft. Das Thema Identität ließe sich als eines der Leitthemen der Ausstellung ausmachen. Danielle Brathwaite-Shirley, die momentan innerhalb einer großen Soloschau in der Serpentine-Gallery vertreten ist, fragt zum Beispiel in großen Lettern „ARE YOUR RIGHTS PROTECTED“ und adressiert damit Schwarze Transpersonen. Fast wie eine Antwort darauf – aber laut Kuratorenteam nicht intendiert – steht mit weißen Lettern auf schwarzem Grund „It’s just a matter of time – before they come for your rights“ geschrieben von Puppies Puppies (Jade Guanaro Kuriki-Olivo). Die Aussage nimmt ebenfalls Bezug auf die Rechte von trans, non-binären und Gender-nonkonformen POC. Puppies Puppies ist gleich mehrmals in der Ausstellung vertreten, indem sich unterhalb der Wandarbeit Poster mit Aufschriften wie „SUPPORT THE DOLLS SURGERIES“ finden oder draußen in Sichtweite zum Basement Werbetafeln künstlerisch González-Torres zitieren und in den öffentlichen Raum ausgreifen. Kaum verkennbar scheinen sich die Werke auf aktuelle Eingriffe Trumps in die amerikanische Kulturpolitik zu beziehen.
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Draußen auf der Rampe zum Basement umgibt das Publikum bei Betreten und Verlassen der Ausstellung schließlich ein aus üppig wuchernden Pflanzen bestehender Garten, der sich aus Mitbringseln der römischen Nachbarschaft speist. Denn in David Horwitz’s „Make a Garden Everywhere“ sind Besucher ausdrücklich eingeladen, aktiv an der Gestaltung des urbanen Gartens teilzunehmen. Jeder, der Teil des wachsenden Environments wird, darf sich anschließend an vor dem Eingang bereitstehendem, regionalem Saatgut – ein Mix aus heimischen Kräutern – bedienen, damit der Garten sich nicht nur auf den unmittelbaren Außenraum des Basement ausweitet, sondern auf die gesamte Stadt. Der Titel der Arbeit findet sich gebannt auf Fotopapier auch innerhalb des Ausstellungsraumes, könnte als Mantra der Biennale fungieren. Denn die Ausweitung des Programms auf den gesamten Stadtraum könnte nach Vorbild von Horwitz’s Garten funktionieren. Zumindest die Partnerschaften zur Stadt, zur American Academy in Rom und zur Académie de France in Rom – Villa Medici sowie zum Hauptpartner Soho House Roma lassen Interesse an der Gründung einer neuen Biennale in der Ewigen Stadt erkennen. In Italien zeigt man sich grundsätzlich zuversichtlich bezüglich eines Aufwinds der zeitgenössischen Kunstszene.
Anfang Juli wurde in Italien der Mehrwertsteuersatz auf Kunstverkäufe von 22 auf 5 Prozent gesenkt. Damit einher ging auch eine Reduzierung des Steuersatzes für Einfuhren von außerhalb der EU von 10 auf 5 Prozent. Das macht den italienischen Kunstmarkt zum derzeit wettbewerbsfähigsten in der gesamten Europäischen Union, gefolgt von Frankreich mit einem Mehrwertsteuersatz von 5,5 Prozent. Großzügige Steuervergünstigung für Ausländer, die ihren Wohnsitz nach Italien verlegen, lockten zudem in den vergangenen Jahren neuen Reichtum, insbesondere nach Mailand, aber auch in andere italienische Städte. Nicht nur Sammler werden künftig verstärkt in Italien einkaufen, sondern auch Galerien neue Standorte eröffnen. Erst kürzlich lud Thaddaeus Ropac zur Eröffnung in seine erste italienische Galerie im historischen Palazzo Belgioioso in Mailand. Das beeinflusst nicht direkt einen non-profit Off-Space wie Basement, aber indirekt belebt es die gesamte italienische Kunstszene. Zeitgenössische Kunst geht gemeinhin dahin, wo sich Avantgarde sowie Geld finden lassen und der italienische Kunstmarkt erlebt derzeit einen Boom.
BAAB ist in einer Stadt wie Rom aber durchaus in der Lage, neues Potenzial zu entfalten. Fast scheint die Biennale im Open-Air Museum Rom selbst ein politischer Akt zu sein, indem ihre offene Form auf das Erproben von Grenzen,
Das alles basiert auf politischen Entscheidungen und passend dazu bildet Hannah Blacks „Politics“ in leuchtender Schrift so etwas wie eine Überschrift oder einen Titel der Ausstellung im Basement. Das Wort prangt auf einer Wand von geschriebener und gesprochener Prosa von Karl Holmqvist aus seiner kürzlich veröffentlichten Berlin-Trilogie. „Politics“ beschreibt aber nicht nur viele der politisch engagierten Arbeiten innerhalb der Biennale, sondern definiert den Ausstellungsraum auch als Agora. Diese zieht Jean-Max Colard, Kurator am Centre Pompidou in Paris, innerhalb seines Beitrags im Magazin als älteste Form der Zusammenkunft heran. Die Agora bilde einen Raum für öffentliche Debatten, in welchem das Persönliche plötzlich Politisch werde. Die Biennale-Ausstellung ist zudem inspiriert von der 2001 erschienenen Publikation „The Tribes of Art“ des italienischen Kunstkritikers Achille Benito Oliva. Dieser suchte anlässlich seiner im Castello di Rivoli kuratierten Ausstellung „Tribù dell’Arte“ nach einer Beschreibung für den infolge der Avantgarde der 50er- und 60er-Jahre in amorphe Künstlergruppen zerschlagenen Kanon der Kunststile. Solche Gruppen bezeichnet er als „Tribes“, die sich temporär um eine gemeinsame Identität oder ein sozial-politisches Thema versammeln. BAAB fordert auf ähnliche Weise den kunsthistorischen Kanon und kuratorische Regeln heraus, setzt auf Akkumulation statt Reduktion, auf klaustrophobische Keller statt weite Hallen. Letztere bilden den Nukleus eines im Format einer Biennale neu geführten Diskurses.
Die Kuratoren verstehen somit eine Ausstellung als dem Austausch, der Diskussion und dem Teilen verpflichtet. Hierin wollen sie einer zunehmenden Individualisierung der Kunstwelt, insbesondere auf dem Kunstmarkt, entgegenwirken, das Kollektive in den Mittelpunkt rücken. Eine Idee, die nicht neu ist, blickt man auf die vergangenen Ausgaben der venezianischen Biennale oder der Documenta zurück. Die Documenta stellte sich dem Künstlergenie entgegen, rückte die Gemeinschaft ins Zentrum und scheiterte grandios an genau diesem selbst gesetzten Ziel, indem sie Diskurs verweigerte, als er besonders nötig wurde. Vor diesem Hintergrund wäre man vielleicht verleitet, die noch junge Biennale angesichts eines scheinbar bereits im Abklingen befindlichen Trends sowie eines allgemeinen Überdrusses an weltweiten Biennalen abzutun. BAAB ist in einer Stadt wie Rom aber durchaus in der Lage, neues Potenzial zu entfalten. Fast scheint die Biennale im Open-Air Museum Rom selbst ein politischer Akt zu sein, indem ihre offene Form auf das Erproben von Grenzen, Stellen von Fragen und Erlauben von möglicher Transformation ausgelegt ist. Nicolas Bourriaud schreibt in der begleitenden Publikation: „BAAB hat weder einen festen Veranstaltungsort noch ein festes Ausstellungskonzept, weil Kunst so etwas nicht länger hat.“ Es bleibt zu hoffen, dass die neu gesetzten Triebe auf fruchtbaren römischen Boden fallen.
Begleitend zur Ausstellung erscheint ein von CURA herausgegebenes Magazin.
https://basementroma.org/

